Interview mit einem Ju 52 Piloten

Reiseflair der 1930er-Jahre: Eine legendäre Junkers Ju 52 kommt zum Flugplatzfest auf am Samstag und Sonntag, 25. und 26. August, auf das Degerfeld. Weit mehr als die Hälfte der Rundflugplätze in der „Tante Ju“ sind bereits ausgebucht. Die Maschine hat eine besondere Geschichte. Wir sprachen mit dem Piloten, der die Rarität in Albstadt fliegen darf: der Schweizer Airline-Kapitän Martin Müller (64). 

 

Herr Müller, was macht den Reiz der Ju 52 aus?

Luft für die Hydraulik, Benzin und etwas Elektrik: Das ist alles, was man für die Ju braucht. Klar, zur Unterstützung ist mittlerweile moderne Avionik an Bord. Aber es ist die Einfachheit des Fliegens, die die Ju ausmacht. Sie wird nicht, wie moderne Maschinen, über den Bordrechner geflogen, sondern im Sichtflug und rein von Hand. Die Maschine ist mittlerweile 78 Jahre alt, aber in einem Tip-Top-Zustand. Die Konstrukteure wussten damals auch schon, wie man ein Flugzeug baut. Die Technik begeistert mich: Hugo Junkers hat herausgefunden, dass die Wellblech-Außenhaut nicht nur mehr Stabilität bringt, sondern auch mehr Oberfläche und damit mehr Auftrieb. Würde man den Flügel praktisch auseinanderziehen, wäre die Tragfläche fast doppelt so lang. Damit kann sie auch auf kleinen Plätzen landen. Einfach großartig. 

 

Wie fliegt sich die Maschine eigentlich?

Sie hat eine Riesen-Spannweite und einen kurzen Rumpf. Sie fliegt sich fast wie ein Motorsegler. In der Luft ist die Ju einfach zu fliegen. Problematischer sind Start und Landung, wegen des Fahrwerks mit Spornrad am Heck. Man muss sie am Boden ganz exakt fliegen, alles muss stimmen, der Winkel, die Geschwindigkeit beim Anflug und der Aufsetzpunkt, gerade auf kurzen Plätzen wie dem Degerfeld. 

 

Was unterscheidet die Ju von heutigen Passagierflugzeugen?

Mit 30 Metern Spannweite ist sie fast so groß wie ein Airbus A320. Aber sie befördert nur 17 statt 200 Passagiere, und alle haben einen Fensterplatz. Die Ju fliegt langsam und tief, in 300 bis 600 Metern Höhe. Man kann so viel sehen, jeden Spaziergänger, alles klar und deutlich. Man darf sogar das Handy im Flug benutzen. Außer den Motoren hört man natürlich nicht viel, aber SMS geht!

 

Welche Maschine schickt Ihr auf das Degerfeld?

Die Maschine mit der Kennung HB-HOS. Mit ihr wurde schon der Versuch einer Weltumrundung unternommen. Das hätte auch geklappt. Wir kamen bis nach Nordjapan. Aber es gab keine Freigabe für den Durchflug des russischen Luftraums. Also drehten wir um. Das Risiko war zu groß, dass die Maschine beschlagnahmt und für Jahre dort festgesetzt werden könnte. 

 

Welchen Werdegang hat die Maschine?

Der ist sehr interessant. Sie ist Baujahr 1939. Das Schweizer Militär hatte sie im Frühjahr bestellt. Als sie im Herbst ausgeliefert werden sollte, war der Krieg bereits ausgebrochen. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde sie und die beiden anderen Maschinen von Dessau bei Berlin in die Schweiz geflogen. Da hat der Hitler nichts davon gewusst (lacht). Von da an war sie bis 1982 in Dienst, in verschiedenen Aufgaben, etwa als Transportmaschine oder zu medizinischen Zwecken. Nach der Ausmusterung sollten die Ju’s ins Museum. Aber wir haben einen Verein gegründet, damit die Maschinen weiter fliegen. Innerhalb von drei Jahren hatten wir genug Spenden gesammelt, um sie umzurüsten und eine zivile Zulassung zu bekommen. Seither fliegen sie zu Rundflügen, oft in Deutschland. Sie sind übrigens zu 99 Prozent ausgelastet. 

 

Fliegt sie noch mit den drei originalen BMW-Triebwerken?

Ja. Das sind noch die alten Triebwerke. Alle 1500 Flugstunden, also etwa alle sieben Jahre, wird jeder einzelne Motor in seine rund 4500 Einzelteile zerlegt und gewartet. Danach sind sie praktisch neu. Die Triebwerke sind übrigens Sternmotoren mit neun Zylindern mit je drei Litern Hubraum pro Zylinder. Jeder Motor leistet 660 PS bei 2000 Umdrehungen pro Minute. 

 

Wie groß ist der Aufwand, einen solchen Oldtimer flugfähig zu halten?

Riesig. Das geht nur, weil alle ehrenamtlich mitarbeiten. Nur die Instandhaltung wird bezahlt, alle anderen arbeiten umsonst. Inklusive Führungen erbringt der Verein rund 15.000 Arbeitsstunden pro Jahr. 

 

Die Technik ist aus den 1930er-Jahren. Wie groß ist Ihr Vertrauen in das Flugzeug?

100 Prozent. Sonst würde ich nicht einsteigen. Die Maschinen sind tip-top gewartet, nach den selben Standards wie ein moderner Airliner. Aber die Ju 52 ist auch einfach ein gutes Flugzeug. Insgesamt rund 5500 Exemplare wurden gebaut, Unfälle gab es nur sehr wenige. Das spricht für die Technik des Flugzeugs. 

 

 

Was muss ein Pilot mitbringen, um sie fliegen zu können?

Eine große Flugerfahrung, und Erfahrung mit Spornradflugzeugen. Das sind die Grundvoraussetzungen. Es sind meist ehemalige Militär- oder Airline-Piloten, also Berufsflieger. Außerdem müssen sie menschlich in unsere Gruppe passen. Sie sind handverlesen. 

 

Was verbindet Sie persönlich mit der Ju und was ist Ihre Motivation, sich ehrenamtlich einzubringen in den Verein?

Die Begeisterung für ein altes Flugzeug und die Leidenschaft für dessen Erhalt. Die Nostalgie. 

 

Auf welche Flugroute dürfen sich die Passagiere des Flugplatzfests in Albstadt freuen?

Die passen wir dem Wetter an und den Wünschen der Passagiere. Sehenswürdigkeiten wie die Burg Hohenzollern oder Schloss Sigmaringen sollten dabei sein. 40 Minuten dauert ein Rundflug, da kommt man mit der Ju mindestens 120 Kilometer weit. Es gibt also viel zu sehen. 

Info:

Der Pilot: Martin Müller ist 64 Jahre alt uns Flugkapitän, seit seiner Pensionierung weiterhin als Freelancer. Er flog früher beim Schweizer Militär Jets und bei Airlines Airbus A320 und A330. Er hat insgesamt 25.000 Flugstunden Erfahrung, davon 2000 Flugstunden und 1200 Starts und Landungen auf der Ju 52. Er ist Fluglehrer auf Airbus und der Ju 52. Beim Verein zum Erhalt der Ju 52 ist er von Anfang an dabei. 

Ju-Air: Seit 1983 ermöglicht Ihnen Ju-Air, beheimatet im Air-Force-Center in Dübendorf bei Zürich, einmalige Flugerlebnisse an Bord der drei Junkers Ju-52-Oldtimer-Flugzeugen, sei es bei einem Rund- oder Charterflug oder anlässlich von Erlebnisreisen. Es handelt sich um einen Verein mit ausschließlich ehrenamtlich tätigen Mitgliedern. Zuvor hatten sie eine Initiative mit dem Titel „Flieg weiter, Ju 52“ gestartet mit dem Ziel, die ausgemusterten Maschinen flugfähig zu erhalten und sie als fliegende Denkmale der Bevölkerung zugänglich zu machen. Seither wurden tausende Passagiere in den Maschinen befördert. Weitere Informationen: www.ju-air.ch.

 

Rundflüge: Der LSV Degerfeld bietet Rundflüge in der Ju 52 an. Jeweils vier Flüge am Samstag und Sonntag sind möglich, mehr als die Hälfte bereits gebucht. Anmeldung ist möglich per Internet unter www.flugplatzfest.lsv-degerfeld.de oder Telefon 07432/2 20 31 61.

Hier noch ein kleiner Vorgeschmack https://youtu.be/MG-emoJO9DQ